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Der Beauty-Salon (Text: Julia Hofer)

Ein Haus voll schöner Sachen – und Leben. Zu Besuch bei Ewa Rotzler, die in ihrem  Atelierhaus in Gockhausen kulturell-kulinarische Salons veranstaltet.

Selten wird man von einer ganzen Herde begrüsst, wenn man auf eine Klingel drückt. Pony Fleur wiehert, die Hunde bellen, Katzen heben erstaunt ihre Häupter aus kuscheligen Sesseln – und zwei Minuten später legt sich die ganze Bande (ausser dem Pony) auf den Rücken und will gestreichelt werden. Was für ein fulminanter Empfang. Nur Gastgeberin Ewa Rotzler ist noch nicht hier. Sie hat den Termin vergessen – «Das Handy! Das Handy hat den Termin nicht angezeigt!» – entschuldigt sie sich zwanzig Minuten später, als sie mit fünf Blumensträussen im Arm zur Tür hereinkommt. Doch die Wartezeit ist wie im Nu verflogen. Unterdessen hat man von Steffen, einem Freund des Hauses, erfahren, warum er sich von seinem Lebenspartner getrennt hat und was er seinem Patenkind zum Geburtstag schenkt.

Man spürt sofort: in diesem Haus herrscht ein offener Geist. Hier leben liebenswürdige Menschen und verschmuste Tiere in einem Zuhause, das so gar nichts mit einem durchdesignten Interieur zu tun hat, wie man sie aus Schöner-Wohnen-Zeitschriften kennt. Dieses Haus ist auf eine andere Art schön oder, der Leser verzeihe das Wortspiel, gar noch schöner: Hier ergeben viele auserlesene Dinge ein lebendiges und harmonisches Ganzes. Im langgezogenen Wohnraum leuchtet eine Sammlung bunter Glasvasen, daneben stecken Edel-Gartenzwerge die Köpfe zusammen, goldene Hasen prangen auf dem Fenstersims, auf einem Art-Deco-Möbel ragen skulpturale Kerzenständer in die Höhe. Und dazwischen immer wieder Vasen mit Blumen, denn Rotzler ist «blumensüchtig», wie sie gesteht.

«Morgen kommt meine Tochter von einer Indienreise nach Hause», sagt die sympathische Hausherrin. Sie hat ihre Abwesenheit genutzt um aufzuräumen, ist aber nicht ganz fertig geworden. «Dabei wollte ich ihr zeigen, dass ich das schaffe!», sagt sie theatralisch, während sie den Anbau betritt, der als Atelier und Salon dient. Während drei Tagen im Monat lädt sie Besucher hier zu einem kulturell-kulinarischen Anlass ein (Steffen und ihr Mann kochen) und verkauft die bezaubernden Wohnasseccoires, die alle ihre eigene Geschichte erzählen: Die formschönen Linck-Vasen aus der bekannten Berner Manufaktur, bunte Schalen aus einem afrikanischen Hilfsprojekt, das Rotzler seit vielen Jahren unterstützt, einen Leuchter aus Glasflaschen, den sie einst als Handgepäck ins Flugzeug schmuggelte, Kissen mit Tierprint von Areaware oder mundgeblasene Guaxs-Vasen mit handgearbeiteter Oberflächenstruktur, für die sie seit Jahren eine Schwäche hat.

Viele der Designermöbel und Kunstwerke, die man überall in ihrem Zuhause bewundern kann, stammen aus dem Nachlass ihrer Schwiegereltern, die in Zürich die Galerie xx führten. So auch die pulsierenden Farbbilder von Wolf Barth. «Man müsste sie erneuern lassen», sagt Ewa Rotzler lachend und zeigt auf die von den Katzen zerkratzen Lederkissen eines Barcelona Chairs von Ludwig Mies van der Rohe. «Aber so dringend ist es ja nun auch wieder nicht.» Ihr Mann ist selbständiger Landschaftsarchitekt, die Tochter studiert Fotografie, sie selbst ist im Theater Rigiblick dafür zuständig, «dass es schön aussieht». Daneben vermietet sie die beiden Atelierhäuser auf ihrem Grundstück für Fotoshootings, Retraiten und Feste.

Erbaut wurden die Atelierhäuser in Gockhausen vom Künstler Gottfried Honegger und seiner Frau Warja Lavater  in den 1950er und 1960er Jahren. Die amerikanisch oder nordisch anmutenden Pavillons sind auf Stelzen gebaut und vollständig aus Holz materialisiert. Weil Honegger zum Malen Nordlicht brauchte, sind sie gegen Norden orientiert. «Als das Gerüst stand, ging Honegger mit einem Stuhl durch sein zukünftiges Haus, setzte sich hin, betrachtete die Aussicht und bestimmte, wo er ein Fester wollte», erzählt Rotzler bewundernd. Sie schaut durch die Fenster, die den Garten mit seinen uralten Bäumen und den Waldrand tatsächlich wie Bilder rahmen. «Heute muss jedes Haus nach Süden orientiert sein, auch wenn die Aussicht noch so nichtssagend ist.»

Das Atelierhaus am Waldrand wurde als Teil einer Utopie gebaut. Am schattigen Nordhang des Zürichbergs wollte Honegger mit seinem Freund, dem Architekten Eduard Neuenschwander, den Traum einer Künstlerkolonie verwirklichen. Die beiden Architekten setzten sich ein hohes Ziel: Gockhausen sollte die architektonische Antwort auf die «Neubühl»-Siedlung in Zürich-Wollishofen werden, die berühmte Werkbundsiedlung aus den dreissiger Jahren. Leider blieb die Künstlerkolonie ein Fragment. Doch das Atelierhaus zog tatsächlich prominente Kulturschaffende an. Die Autoren Max Frisch und Jürg Federspiel haben beispielsweise in Honeggers Haus gelebt und gearbeitet.

Als Ewa Rotzler das Haus Ende der Achtzigerjahre (?) zum ersten Mal sah, bescherte es ihr schlaflose Nächte. Der Garten war verwildert und schattig, innen war es dunkel, der niedrige, schmale Wohnraum war kaum beheizbar. Er wirkte eher wie eine Baracke als eine gemütliche Stube. «Natürlich war es grossartig, aber es machte mir auch Angst», sagt sie. Sie rangen sich durch und mieteten das Haus. Damit sie sich in ihrem neuen Daheim nicht so verloren vorkamen, ersteigerten sich auf einer Auktion ein paar ausladende Louis-Quatorze-Sessel, die sonst niemand wollte. 1994 kauften sie das Haus. Und heute ist die Stimmung im Künstlerhaus lustvoll und lebensfroh, die guten Energien sind beinahe mit den Händen zu greifen.

Ewa Rotzler zeigt auf einen Tisch, hier will sie bald ihre Nähmaschine aufstellen und mit der befreundeten Modedesignerin Erica Matile eine kleine Kollektion nähen. «Nähen ist wie Meditation für mich», freut sie sich. Doch zuerst muss sie noch ein bisschen aufräumen. Sie schaut sich hilfesuchend um. «Wie kann ich hier nur wohnen?», frage sie sich manchmal. Die Vermischung zwischen öffentlichem Salon, Atelier und privatem Wohnraum ist anspruchsvoll – Tochter Isabel findet es furchtbar – und für die Eltern doch stimmig. In ihrem Haus sind schon immer viele Freunde und mehr oder weniger Bekannte ein und aus gegangen: Als sie das Atelierhaus kauften und sich die Tiere zulegten – heute zählen zur Herde neben den Hunden und Katzen, die beiden Minipigs Tony und G, zwei Pferde, ein Pony, zwei Esel und zwei Maultiere – hätten sie immer wieder jemanden gebraucht, der Haus und Zoo hütete, wenn sie auf Reisen gingen.

Ein Haus, das sich zur Natur öffnet. Tiere, die dafür sorgen, dass sich Freunde und Bekannte die Klinke in die Hand geben. Schöne Dinge, die den Geist der weiten Welt verströmen. Kulinarisch-kulturelle Abende, die den Elektriker aus dem Dorf mit der Dame vom Zürichberg zusammen bringen. Vielleicht hat Gottfried Honegger sich das nicht ganz so vorgestellt mit der Künstlerkolonie. Aber es ist trotzdem gut geworden.

 

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